Tango - aus dem Nähkästchen

von Christiane Solf
Meine Beziehung zum Tango begann vor 24 Jahren bei einer Tango-Aufführung in einem Kölner Hinterhof - Theater. Ich war auf den ersten Blick fasziniert, beeindruckt und tief berührt von der Musik und den ausdrucksstarken Bewegungen der Tänzer. Das, genau das wollte ich unbedingt lernen.
Am Anfang war es eher eine große Enttäuschung. Der Tango, das "Tier mit den vier Beinen", erschien mir eher wie ein störrischer Esel mit schweißnassen Pfoten und vier linken Füßen, die sich dauernd gegenseitig im Weg standen. Von Leidenschaft und großen Gefühlen keine Spur. Es war mehr Armdrücken als erotische Umarmung.
Ich hatte zu dieser Zeit viel Erfahrung mit modernem und zeitgenössischen Tanz. Hat aber nicht viel geholfen, denn sobald der Tanzpartner wie ein Schatten vor meiner Nase stand und an mir herumzerrte, wurden selbst die einfachsten Schritte zum Problem.

Trotzdem ließ "er" mich nicht mehr los. Ich lernte und freute mich über jeden Fortschritt. Klar, es gab auch Tiefschläge, aber die hatten mehr mit dem ganzen Tango-Umfeld zu tun. Da habe ich einiges erlebt - Körbe, Stehengelassen-werden auf offener Tanzfläche, bittere Tränen und lautstarke Wutausbrüche, schlichte Langeweile - aber auch Sternstunden, wo alles auf wunderbare Weise paßt. Damals habe ich am liebsten zu Musik von Piazzolla getanzt. Je wilder um so besser. Die älteren Tangos, besonders Di Sarli, habe ich erst viel später schätzen gelernt.
Heute, wo der Tango auch mein Beruf ist, helfen mir diese Erinnerungen sehr, mich in die Schwierigkeiten meiner Schüler hineinzuversetzen. Also, wenn ich heute sehe, wie ein Mann seine Partnerin mitten im Tanz "zurechtstutzt", da geht mir immer noch der Hut hoch. Überhaupt hat der Tango die Eigenschaft, das, was ist, zu vergrößern, zu verstärken: Empfindungen, Emotionen und Eigenheiten an die Oberfläche und auf den Punkt zu bringen. Da kann aus einer kleinen Bemerkung mal schnell ein mittelgroßes Drama werden.

Vielleicht ist deshalb die Atmosphäre in den Salons oft so verhalten. Tango öffnet die Sinne, weckt Gefühle und rührt vielleicht an alten Wunden. Das macht empfindlich. Und da versucht halt jeder mehr oder weniger sich zu schützen und zu kontrollieren.

Für mich ist Tango ein Spiegel, der genau zeigt, wo und wie ich stehe, was mich gerade bewegt, ob ich verspannt bin, müde oder auch aufgekratzt und voller Energie. Gute Technik kann zwar nach außen ein Stimmungstief kompensieren, aber ein sensibler Tanzpartner spürt, was wirklich los ist, und umgekehrt genauso.
Oft ist es auch ein großer Unterschied, wie jemand beim Tanzen aussieht und wie er sich beim Tanzen anfühlt. Beim Tango habe ich gelernt, mich weniger auf die Augen und dafür mehr auf alle anderen Sinne zu verlassen.
Also, ich behaupte mal, wenn ich mit einem Menschen drei Tangos tanze, dann habe ich einen zwar subjektiv gefärbten, aber auch sehr authentischen Eindruck von diesem Menschen und von unserer Beziehung in diesem Moment. Es gibt Tänze, die plätschern dahin wie ein Small-Talk übers Wetter. Und es gibt Tänze, die gehen unter die Haut. Besonders, wenn beide Partner die gleiche Musik wirklich hören und nicht mehr so sehr der Mann die Frau, sondern die Musik das Paar führt.
Wie gesagt: Sternstunden.
Manchmal ist diese Nähe und Intimität mit einem (fast) Unbekannten schwer auszuhalten. Spätestens wenn der Tanz vorbei ist, schaltet sich der Kopf wieder ein und denkt: "Ich muß doch jetzt irgendwas sagen, aber was bloß?"
Das ist einer von den vielen Widersprüchen im Tango: Man kennt sich zu gut und gleichzeitig viel zu wenig.

Der Tango ist anspruchsvoll, aber je mehr man sich auf ihn einläßt, um so mehr kommt auch zurück. Manchmal aber ist "er" launisch, zickig wie eine Filmdiva. Das sind so die Abende, wo eigentlich alles paßt: Der Tanzpartner, das Ambiente, die Musik, - und trotzdem will sich der Kick, dieses gewisse Tangogefühl einfach nicht einstellen. "Er" läßt sich halt nicht zwingen.

Schön ist, daß ich wie in einer guten Beziehung immer wieder neue Aspekte am Tango entdecke.
Vor ungefähr 22 Jahren habe ich selbst angefangen zu unterrichten. Das war wieder ein ganz neues Feld. Den Tanz analysieren und überlegen, was ist wichtig für einen Anfänger, wie baue ich meinen Unterricht auf, wo setze ich Schwerpunkte und all diese Fragen.
Vor 21 Jahren habe ich dann meinen Tanzpartner Sven kennengelernt, und 1997 haben wir "Tango im Fluß ..." gegründet.

Ganz nüchtern betrachtet ist Tango für uns ein Bewegungssystem, mit zwei gegensätzlichen, einander ergänzenden Rollen. Die Grundlage dieses Systems ist das Prinzip "Führen und Geführt-Werden", ein fortwährender Dialog, bei dem die Partner mit dem ganzen Körper sprechen, zuhören und antworten. Oder etwas poetischer ausgedrückt: Beim Tango lernt man, mit den Knien zu denken und mit den Füßen zu lächeln. (Das mit den Knien stammt von Beuys, das Lächeln von mir.)

Wir vermitteln keine "schlüsselfertigen" Figuren oder Schrittfolgen, sondern Körpersprache, Tangovokabeln und Tangogrammatik. Dabei ist weniger das "Was", sondern vielmehr das "Wie" entscheidend. Drei Schritte vorwärts machen ist banal. Drei Schritte vorwärts gehen in der richtigen Haltung und Körperspannung, gemeinsam mit dem Partner zur Musik, ist Tango. Dazwischen liegt ein langer Weg.

Im Zusammenhang mit Tango Argentino ist immer viel von den "Wurzeln" und von "Authentizität" die Rede. Das ist für mich ein heikles Thema. Also, jeder der von sich behauptet, er vermittele den echten Tango oder die einzig wahre Tangokultur, ist in meinen Augen unglaubwürdig. Ich bin mir bewußt, daß der Tango ein importiertes Kulturgut ist, das mit entsprechendem Respekt behandelt werden muß. Aber Deutschland ist nicht Argentinien, und die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich, allein was die Beziehung Mann - Frau betrifft, in den letzten hundert Jahren gewaltig verändert.

Mal nur ein Beispiel: Um die Jahrhundertwende kamen in Buenos Aires auf zwei männliche Einwanderer eine Frau. In der heutigen Tangoszene ist das (leider) genau umgekehrt.

Die Frauen müssen einfach sehr viel aktiver sein. Und das drückt sich auch im Tanz aus. Für mich ist das immer wieder eine schwierige aber auch spannende Gratwanderung:
Mich einlassen, ohne meine Kraft oder meine Achse zu verlieren, mit dem Partner in einen gleichberechtigten Dialog gestalten, ohne das Grundprinzip von Führen und Geführt-Werden zu verletzen. Ein ganzer Komplex von Widersprüchen. Typisch Tango eben.

Deshalb zeichnet sich ein guter Unterricht für mich auch dadurch aus, daß viel für die Frau gemacht wird. Und eben nicht, daß die Männer lauter komplizierte Figuren zwirbeln und die Frau dabei nur ein "Tanzsport-Gerät" ist.

Tango ist eine Herzensangelegenheit. Wer sich wirklich auf ihn einläßt, ist nie fertig damit. Und Tango ist im Fluß. Er verändert sich durch die, die ihn tanzen. Auch wenn sein Gesicht sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat, - seine Seele, die Sehnsucht und seine großen Themen Nähe - Distanz, Dominanz - Hingabe, Männlich - Weiblich sind zeitlos.

Ich glaube, daß es damals wie heute die Sehnsucht ist, die Menschen zum Tango führt. Für den einen mag das der Wunsch nach Berührung und Nähe sein, für jemand anders das Bedürfnis nach einer sinnvollen Freizeitgestaltung. Tango schafft Freiräume.

Und mit Tango im Fluß ... einen Raum geschaffen zu haben, wo diese Sehnsucht erlebt, gestaltet und ausgedrückt werden kann, macht mich ganz einfach froh.





Tango im Fluß ...

 Christiane

Was mich immer interessiert von Leuten, die sich intensiv mit dem Tango beschäftigen, das ist ihre ganz persönliche Einstellung zum Tango, ihre Geschichte, prägende Erlebnisse und Entwicklungen. Deshalb mein Entschluß, hier weniger etwas zum Tango allgemein zu sagen, sondern mehr aus dem "Nähkästchen" zu plaudern.



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